“Alle reden von der Bedeutung der Bildung und nichts passiert!”* Fast 90.000 Studenten waren heute bei Protesten des Netzwerks Bildungsstreik auf der Straße. #unibrennt, #bildungsstreik und #unsereuni twittert es vor sich hin. Etwa 27 Uni’s sind besetzt, eine gute Handvoll schon wieder geräumt. Die Presse spricht von einem heißen Herbst. Was ist schief gelaufen beim Bologna-Prozess?

Wir fragen einen Berliner Studenten: Warum gehen die Studenten im Moment auf die Straße?
Es sind mehrere Dinge, die die Gemüter im Moment erhitzen.
Die Ausgaben für die Bildung in Deutschland sinken und liegen schon jetzt mit 4,1% des BIP deutlich unter dem Durchschnitt anderer EU-Länder. Darüber hinaus sind die Rahmenbedingungen für Studenten durch den Bologna-Prozess schlechter geworden. Viele sprechen davon, dass es sich beim Studium nicht mehr um „Bildung“ sondern um „Fortbildung“ handelt, bei der man als Student so schnell wie möglich das Studium beenden soll, um in der freien Wirtschaft Geld zu verdienen. Ich selber bin ein Student der neuen Bachelor Studiengänge und habe mich etwas umgehört. Hier sind ein paar Punkte, warum die Studenten in ganz Deutschland im Moment die Hörsäle besetzen:
1. Die Studiengebühren: Niemand kann sich in Ruhe dem Studium widmen, wenn er weiß, dass ihn das neben dem Unterhaltskosten und sonstigen Semestergebühren noch einmal ca. 600€ im Semester kostet, die er danach, wenn er nicht aus einem reichen Elternhaus kommt, zurückzahlen muss. Ist das Studium über einen Sudentenkredit finanziert, muss er das Geld sogar möglichst schnell zurückzahlen, da im Jahr noch Zinsen in Höhe von mindestens 5% anfallen.
2. Die Bachelor-Studienordnung die eine „Work-Load“ von 7 x 4 = 21 Wochenstunden anwesenheitspflichtigen Unterrichts und darüber hinaus jeweils ca. 4 Stunden Nach- und Vorbereitung je Fach als Standard-Lehrplan vorsieht. Will man also in den vorgegebenem Zeitraum von 7 Semestern studieren, bleibt keine Zeit sich anderem Stoff, als dem des vorkgeauten Lehrplans zu widmen. Wer einen längeren Weg wählt, muss damit rechnen, dass ihm das Bafög-Amt den Geldhahn zudreht.
3. Die neue W-Besoldung für die Professoren. Hier ist die Höhe der Besoldung z.B. abhängig von der Anzahl der Veröffentlichungen, die ein Professor macht, und von den Bewertungen der Studenten bei der Evaluation. Die Probleme daran konnte ich bereits am eigenen Leib erleben. Der Professor stand an der Tafel und gab uns den Tipp, ihn lieber besser zu bewerten, wenn wir nur eine einfache Klausur schreiben wollten. Natürlich sind solche Fälle nicht zu pauschalisieren. Allerdings ist es schon wahrscheinlich, dass auch andere Professoren sich davon beeinflussen lassen.
4. Die Finanzmittel, die einer Hochschule zur Verfügung gestellt werden, hängen damit zusammen, wie viele Studenten die Hochschule erfolgreich absolvieren. Natürlich stecken Hochschulen nun in der Zwickmühle. Man will das Niveau der Hochschule nicht senken, kann es sich jedoch auch nicht leisten, dass viele Studenten das Studium nicht erfolgreich absolvieren.
5. Die Elite-Universitäten schwappen nach Deutschland. Wie das Wort Elite schon sagt: Es handelt sich nur um eine kleine Gruppe auserwählter Hochschulen die jetzt tiefer in den Finanz-Pott greifen dürfen. Natürlich bleibt die breite Massenbildung davon unberührt. Da kann man schon verstehen, dass die restlichen Studenten, die nun in noch volleren Vorlesungssälen mit veralteter Technik sitzt, auf die Straße gehen.

Vielen Dank an Jonas Weiland, er ist einer der beiden Gründer von UniFreePrint.

Die UNI Tübingen spielt eine Schlüsselrolle und wurde am vergangenen Montag wieder besetzt.
Fotos von einer Studenten-Demo in Osnabrück fanden wir bei robinfeder.de
Einen Bericht aus Essen findet man bei ruhrbarone.de
Auch in Thüringen sind die Studentenproteste angekommen, das Video aus Jena fanden wir beim roadrunner.

Zum Thema Studentenproteste berichtet trends-in.de weiter!

*Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,661871,00.html